Alte Obst­halle

Wir fra­gen uns, warum inzwi­schen, trotz des Wis­sens über die Unzu­läng­lich­keit vie­ler indus­tri­el­ler Bau­pro­dukte, nicht öfter, im wört­li­chen Sinn nahe­lie­gende, ein­fa­che Mate­ria­lien ver­baut werden.

Das alte Vogel­haus von 1830 wurde 1954 beträcht­lich erwei­tert. Die Maß­nahme erfolgte im Rah­men einer Umnut­zung zu einem Lager- und Wirt­schafts­ge­bäude für den Obst­bau. Sowohl in der Breite als auch in der Länge wurde ein­fach ange­baut. Jetzt soll der Ursprungs­kern des Gebäu­des eine Umnut­zung zur Woh­nung erfah­ren. In das auf dem Gewöl­be­kel­ler lie­gende Erd­ge­schoss wird eine kleine, eben­erdige Woh­nung ein­ge­baut. Dafür wird die West­fas­sade ent­spre­chend mit Fens­ter­öff­nun­gen ver­se­hen. Ord­nung und Relief der Wand­glie­de­rung laden förm­lich dazu ein. In der Gie­be­lachse wird das Fens­ter zum Aus­tritt und erhält eine kleine zwei­läu­fige Frei­treppe, die den Sockel über­brü­cken kann. Der Ein­bau der Woh­nung erfolgt in einen gro­ßen, längs­recht­ecki­gen Raum. Alle Innen­wände wer­den aus Bod­ma­ner Lehm gebaut. Grund­lage ist eine höl­zerne, korb­ar­tige Struk­tur aus Pfos­ten und Lat­ten, die mit der Lehm-Stroh­masse auf­ge­füllt und in meh­re­ren Lagen mit Lehm ver­putzt wird. Die Fuß­bö­den bestehen aus zweit­ver­wen­de­ten Zie­gel­stei­nen und geseif­ten Tan­nen­bö­den. Die Ent­schei­dung für die gewählte Aus­bau­stra­te­gie ent­springt dem Bestre­ben, mög­lichst ein­fa­che und natür­li­che Mate­ria­lien zu ver­wen­den, die der nähe­ren Umge­bung ent­stam­men. Durch die offe­nen und nicht dena­tu­rier­ten Ober­flä­chen der Mate­ria­lien fin­det ein guter Feuch­te­aus­gleich statt. Die­ser wirkt sich unmit­tel­bar und güns­tig auf das Innen­raum­klima aus. Der Alte­rungs­pro­zess ver­läuft orga­nisch und endet in einer edlen Patina. Die soge­nannte Graue Ener­gie ent­spricht einem Bruch­teil des Auf­wands von dem, was für das kon­ven­tio­nelle, tech­nisch-indus­tri­elle Bauen erfor­der­lich wäre. Wir fra­gen uns, warum inzwi­schen, trotz des Wis­sens über die Unzu­läng­lich­keit vie­ler indus­tri­el­ler Bau­pro­dukte, nicht öfter, im wört­li­chen Sinn nahe­lie­gende, ein­fa­che Mate­ria­lien ver­baut wer­den. Wir wer­den dran­blei­ben und müs­sen noch viel lernen.